Der heilige Valentin und die Liebenden

Wenn’s um die Liebe geht und nicht um „Trick or treat“, also „Süßes oder Saures“, dürfen anglo-amerikanische Bräuche tatsächlich unhinterfragt und nicht kritisiert sogar unsere Kirchen erobern und Alt und Jung und auch die Presse ist entzückt. Der Valentinstag gefällt. Dass ein ziemlich unhistorischer Heiliger dafür seinen Namen leiht, hätte unser strenger Reformator natürlich gerügt und diesen Tag gleich abgetan. Aber Doktor Luther setzt sich eben nicht in allem durch, und überdies ist das Valentinsbrauchtum viel älter als Valentin selbst und eigentlich gar nicht religiös und ebenso christlich wie jüdisch oder heidnisch-römisch oder hinduistisch.

Ist nicht die erwachende Natur nach einem kalten, dunklen Winter Anlass genug, die Liebe zu wecken? Bereits im ausgehenden Mittelalter finden sich Nachrichten darüber, dass in der Mitte des Monats Februar die Vögel erste Paarungsgelüste zeigen. Schon bald wurde diese Beobachtung Anlass für ein Volkslied, in dem die Menschenwelt an der Vogelwelt gespiegelt wird. Im Kloster Wienhausen findet sich aus dem 15. Jahrhundert die älteste Aufzeichnung dieses Liedes, das mit den Worten beginnt: „Ein Vogel wollte Hochzeit machen in dem grünen Walde. Die Drossel war der Bräutigam, die Amsel war die Braute.“ Und dann folgt der Refrain: „Fideralala, fideralala, fideralalalala“.

Die Engländer hatten es vorgemacht. Der britische Dichter Geoffrey Chaucer, der von etwa 1343-1400 lebte, hat in seinem Gedicht „The fowl’s Parliament“ geschrieben: Und dies geschah am Valentinstag, dass jede Eule ihren Partner wählte.

Die Ursprünge der Hochzeitsfeierlichkeiten an der Schwelle vom Winter zum Frühjahr liegen allerdings schon im antiken Griechenland. Dort feierte man im Monat Gamelion die heilige Hochzeit der höchsten Götter Zeus und Hera.

Die Römer setzten dagegen und ehrten am 15. Februar ihren Gott Lupercus oder Faunus, den Gott der Fruchtbarkeit. Das Brauchtum dieses Tages mag uns heute etwas sonderbar vorkommen, war damals aber ein großer Spaß. Die Priester des Lupercus opferten Ziegen und einen Hund. Danach gab’s ordentlich Wein gegen den Durst und zum Ansporn und anschließend ging’s los durch die Stadt, wo vor allem junge Damen mit dem Ziegenfell abgerieben werden sollten, damit sie schön fruchtbar würden oder blieben. Die Damen, so ist überliefert, promenierten ganz freiwillig auf den Straßen Roms, während die jungen Herren der Schöpfung zur selben Zeit aus einer Wahlurne Zettel mit weiblichen Namen zogen, um damit ihr „blind date“ für das neue Jahr orakeln zu lassen.

Interessanterweise hat die Kirche unter Papst Gelasius I im Jahre 494 dieses Brauchtum nicht verworfen, sondern mit dem Fest der Reinigung Marias, das wir als Darstellung des Herrn oder Lichtmess kennen, verbunden und somit „getauft“.

Wann kommt denn nun Valentin ins Spiel? Zunächst eine Gegenfrage: Welcher von den mindestens drei Valentinen, die uns zur Auswahl stehen? Alle sind Märtyrer, zwei Römer, ein Nordafrikaner. Die Legenden, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden, sind nicht genau zuzuordnen, so dass wir davon ausgehen müssen, dass es sich bei unserem Valentin um ein Melting-pot-Produkt handelt, bei dem mehrere Personen zu einer neuen verschmolzen sind – ganz ähnlich wie bei dem anderen Heiligen, den die Lutheraner bis heute lieben, dem heiligen Nikolaus.

Die für den Anlass des Tages wichtigste Legende ist der Hochzeitsverbotserlass von Kaiser Claudius II. Junge Männer durften nicht mehr heiraten, damit nicht die Lust und die Ehefrau die Wehrkraft zersetzten. Valentin habe sich dem Erlass widersetzt und kräftig weiter getraut und sei darum hingerichtet worden, so wird erzählt. Vor der Hinrichtung habe der Geistliche aus dem Gefängnis Briefe an seine geliebten Traukinder geschickt, die er mit „von deinem Valentin“ unterzeichnet hätte – ein Brauch, der im England des 14. Jahrhunderts wieder aufgenommen wurde und von dort über die USA im 19. Jahrhundert wieder den Weg zurück nach Europa fand.

Aber – und da müssen die Liebhaber des Valentintages jetzt tapfer sein – historisch gibt es keinerlei Nachricht über einen Patron der Liebenden, der Valentin hieß.

Und die erste Valentinskarte, von der wir wissen, wurde auch nicht in Rom geschrieben, sondern in London. Richtig ist, dass sie aus dem Gefängnis kam, denn ihr Verfasser, Charles, der Herzog von Orleans, saß gerade im Tower von London ein, als er 1415 seiner Frau schrieb und mit „dein Valentin“ unterzeichnete.

Im 19. Jahrhundert wurden Reliquien des hl. Valentin – da runzelt der Lutheraner die Stirn und fragt sich, ob es Knochen vom alten oder vom jungen Valentin und überhaupt von welchem waren – von Papst Gregor XVI. an die Karmeliterkirche von Dublin verschenkt. Und sofort begann ein emsiges Valentins-Pilgern.

Doch dann machte ausgerechnet die römische Kirche mit ihrem reformatorischen aggiornamento, der Anpassung an die Gegebenheiten der Welt, dem Valentin und seinem so schönen Brauchtum einen Strich durch die Rechnung. Der Tag wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil gestrichen, weil der Heilige so unwahrscheinlich ist.

Wie gut, dass wir in der Freiheit der Christenmenschen leben, die sich von Rom nichts verbieten lassen müssen und den Valentinstag nach wie vor begehen dürfen.

Alexander Röder

 

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